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Großer Rat der Tiere

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Die Lage der Tiere hatte sich dramatisch verändert. Eigentlich war nichts mehr wie früher. Da, wo bislang noch der letzte Spatz sein Auskommen hatte, war kein Körnchen mehr zu holen. Statt herrlich duftender Pferdehintern standen meist mit dem Zeichen eines großen Gottes geschmückte schwarz glitzernde Geschosse auf breiten Alleen in so großer Zahl, daß kaum ein Grashalm dazwischen passte. Trotz ungeheurer Pferdestärken verrichteten sie keine erkennbare nützliche Arbeit. Auch wenn sie fuhren, machten sie keinerlei Art Mist. Den Rindern und Ochsen war mit ihren Hörnern jede Erinnerung an einen alten Lebenszweck genommen. Sie gingen sich in den engen Quartieren bereits derartig auf die Nerven, daß es bald zu einem weltweiten Aufstand unter diesen Geschöpfen gekommen wäre, wenn sie nicht kontinuierlich zu ihrem Fraß Beruhigungsmittel bekommen hätten. In den früher so paradiesischen Meeren, wo es jedem ehemals eine schiere Lust war als Fisch geboren zu werden, gab es statt üppigster Nahrung zumeist nur Plastikreste, die aber im Überfluß.

Kurz die Welt der Tiere war so heruntergekommen, daß eine große Umkehr dringend geboten schien. Der oberste Rat der Tiere, der über Jahrmillionen stets jede Entwicklung weise erkannt und durch große Weitsichtigkeit zum Wohlergehen aller sicher gelenkt hatte, war gefordert und musste dringend einberufen werden. In allen Regionen der Welt wurden die verständigsten und gewandtesten Vertreter der jeweiligen Art in mehr oder weniger geheimen Wahlen gefunden und in intensiven Schulungen darauf vorbereitet bei der 1. globalen Interspecies Konferenz (GlobInterSpecK) die Interessen ihrer Art zu vertreten. Jede Art, die sich in ihrer Existenz bedroht fühlte, dürfte einen Vertreter mit Stimmrecht entsenden.

Für die Akkreditierung hatte man 40 Tage vorgesehen, denn man musste natürlich auf die langsamsten unter ihnen wie die Schnecken und Schildkröten Rücksicht nehmen. Beinahe jede Art hatte sich zur Teilnahme entschlossen. Lediglich Flöhe, Läuse und Kröten hatten verzichtet, sie sahen keinen Anlaß wegen Arbeitsüberlastung auf Grund einer aktuellen Überhitzung der Konjunktur. Auch die Schlangen waren nicht vertreten. Sie hatten seit der damaligen Geschichte mit der Eva hinsichtlich der Wahrheitsgenauigkeit einen etwas ramponierten Ruf bzw. Imageschaden. Ihre Stimme gaben sie an die Krokodile ab. Die Schafe wollten auch nicht teilnehmen, da sie sich in früheren Treffen im Dickicht der vielen Argumente häufig verloren vorkamen. Die Wölfe sorgten schließlich dafür, daß sich doch ein Vertreter der Schafe fand. Er war schwerhörig und konnte daher das Gemecker der Ziegen und das Schnattern der Gänse gut aushalten.

Nun, obwohl die Tagesordnung des Kongresses nur aus dem einen sie alle angehenden Punkt "Rettet die Welt der Tiere" bestand, war allen von vornherein klar, daß es nicht eine Lösung für alles geben könne. Es wurden daher Arbeitskreise gebildet, wenn immer sich 10 Delegierte auf ein Problem verständigt hatten. Diese hatten dann genau einen Vorschlag zu erarbeiten, mit dem ihr Problem zu bewältigen sei. Alle Vorschläge würden selbstverständlich in einem Globalalmanach veröffentlicht werden, den jeder mit nach Hause nehmen konnte als Beweis seiner Teilnahme. Die zehn besten Vorschläge, die die Kongressversammlung in genau zehn Wahlgängen zu ermitteln hatte, sollten dann für die gesamte Tierwelt Gesetzeskraft bekommen.

Zum Erstaunen der Veranstalter ging die Abstimmung innerhalb eines Tages durch. Es gab noch nicht einmal zehn verschiedene Vorschläge, sondern genau genommen nur fünf. Hier in der Reihenfolge der Zustimmung der gefundenen Konsense:

  • Es sollten alle Maßnahmen ergriffen werden, mit denen der paradiesische Zustand von früher schleunigst wieder hergestellt würde.
  • Es sollte dazu eine permanent tätige Weltregierung gebildet werden, ausgestattet mit aller staatlichen Macht, um das Notwendige zu regeln (Dieser Vorschlag fand insbesondere den Gefallen aller Paarhufer insbesonders der Esel, der Faulpelze und der Winterschlaf haltenden Tiere).
  • Die Weltregierung gibt sich dann eine Verfassung, in denen alle Rechte und Pflichten jedweder Kreatur in der künftigen Neuen Weltordnung geregelt wird.
  • Jede Kreatur gibt ein Quentchen seiner Souveränität ab an die Weltregierung und wird ihr gegenüber tributpflichtig. Einzelheiten regelt die Weltregierung.
  • Zur Gewährleistung der reibungslosen Durchführung der tierischen Rettungsaktion wird ein globales Zahlungsmittel eingeführt, das an jedem Ort und für jede Leistung und jedes Tier egal welcher Art den gleichen Wert haben soll.

Es gab einen sechsten Vorschlag seitens der Würmer. Diese wollten eine Präambel, in der festgehalten wird, daß die Würde eines jeden Tieres ungeachtet seiner Art und Geschlecht unantastbar sei und das höchste Gut der neuen Verfassung. Dieser Vorschlag wurde aber mit überwältigender Mehrheit abgelehnt. Ausschlag gab die Krähe, die bemerkte, daß dies doch selbstverständlich sei unter den gesittet entwickelten Tieren, daher diese Regelung daher völlig überflüssig und reine Papiervergeudung.

Diese Vorschläge wurden mit großen Mehrheiten angenommen. Lediglich der Vertreter der Schafe wollte, weil wegen seiner Ohrenprobleme nicht alles bei ihm angekommen war, sich der Stimme enthalten. Aber der Fuchs konnte den alten Bock letztlich doch mit dem Hinweis überzeugen, daß die Neue Weltordnung ganz bestimmt auf seine Schäfchen besonders Rücksicht nehmen würde (wegen der Wolle), nur den bewußten schwarzen Schafen, die ohnehin ja nur höchstens 1 von 100 und auf eigenes Risiko umher streunten, könne verständlicherweise nicht ewig Garantie gegeben werden.

Eine längere Diskussion gab es natürlich bei der Frage, welcher Art die Tribute zu sein hätten, denn kaum eine Tierart hatte, was alle anderen gebrauchen konnten. Schließlich kam man auf eine geniale Idee. Fortwährend waren nämlich Unterbrechungen der Sitzungen notwendig, weil irgend jemand ein starkes Bedürfnis hatte, sich seines Unrates zu entledigen. Man stellte fest, daß dies in der ganzen Tierwelt gültig und von Bedeutung war. Daher wurde beschlossen, daß für den künftig zu entrichtenden Tribut der Kot am besten geeignet sei, denn alle stimmten überein, daß sie sich gerne von ihrem Unrat trennten. Auch war die Frage der Verwaltung der kotigen Tribute schnell geklärt. Die Schweine erklärten, daß sie ohnehin sehr vertraut mit dieser Angelegenheit seien, da sie ständig mit sehr großen Mengen davon zu tun hätten. Sie würden sich für diese Aufgabe opfern, der Gestank machen ihnen nicht all zuviel aus. Sie sagten zu, eine globale tierweltweite Kotbank zu errichten, die diversifiziert werden würde für jede Art Scheiß. Natürlich würde jede Einreichung sorgfältig quittiert werden, so daß jedes Tier überall seine Tributleistungen nachweisen könne. Man war auch damit einverstanden, daß alle Schweine der Welt automatisch Sonderziehungsrechte bekamen, mit denen sie ihre Lebensbedingungen etwas passabler gestalten könnten. Das war letztlich der Tatsache geschuldet, daß keine andere Tierart für diese im Prinzip unappetitliche Angelegenheit zu gewinnen war.

Zum Schluß des Kongresses wurde eifrig über die Frage diskutiert, welche Staatsform die künftige globale Tierwelt haben sollte. Der Vorschlag des Löwen, daß die Monarchie selbstverständlich die natürliche Regierungsform der Tierwelt sei, galt bei den meisten als überzogen reaktionär. Aber man wollte ihn nicht kränken und besänftigte ihn mit der Aussicht auf eine herausragende Funktion als Repräsentant des künftigen Staates. Die Pinguine hatten überraschenderweise mit den Pfauen koaliert und votierten für die Wiederherstellung der Feudalherrschaft. Damals hätte es so beeindruckende Uniformen gegeben und jeder wusste sogleich, woran er war beim Anblick einer Staatsgewalt. Außerdem wäre diese Gesellschaftsform ein Garant dafür, daß Fremde und Ausländer immer willkommen seien. Sie, die Pinguine seien bekannt für ihre große Toleranz gegenüber Auswärtigen in ihrer Heimat, solange diese "Gäste" bei ihnen zuhause die einzige Zumutung erfüllten, nämlich die des Tragens des ortsüblichen Fracks.

Auf Anregung der Mücken und Moskitos wurde kurz der Despotismus als hervorragend geeignete Staatsform zur strengen Regulierung der großen Krise diskutiert, jedoch empörte dies sämtliche Katzenarten unter Anführung des Löwen, die keine Lust verspürten sich auf Augenhöhe mit diesen geborenen Nervensägen zu begeben. Schließlich kam die Diskussion auch auf die Herrschaftsform der Demokratie. Die Hasen konnten es kaum glauben, daß gemäß dieser ein jedes Tier eine eigene Stimme bekommen sollte. Doch die Bedenken der Eintagsfliegen, daß ihre Stimmrechte doch sehr eingeschränkt seien, weil nur alle fünf Jahre gewählt werden solle, machte viele nachdenklich. Auch verstörte es eine erhebliche Zahl, daß ein Hering genauso viel als Volkssouverän zählte wie der doch wesentlich gewichtigere Elefant oder das Rhinozerus. Andere argumentierten, darunter die Lemminge, daß diese Staatsform die einzige sei, die ein freies Spiel der Kräfte garantiere und somit die sozialen Interessen aller mit der neuen von ihren Bedürfnissen gestützten Marktwirtschaft auf ewig in Einklang stünde. Nur den affigen Abgesandten war es egal. Sie votierten übereinstimmend für eine allgemeine Anarchie, in der jeder tun und lassen könne, wonach ihm der Sinn stand. Doch plötzlich erhob sich die Stimme eines Tieres, daß bislang ausdauernd geschwiegen hatte. Nach seiner Art hatte es verborgen in schlammigen Fluten jede Regung beobachtet und in aller Stille analysiert, wo die machtvollste Strömung hinging. Es öffnete genau einmal sein riesiges Mal für den Satz: "Wir entscheiden Demokratie. Das ist alternativlos".

Das war der Knaller, denn kaum einer konnte sich entsinnen, die Stimme des Mokels (altägyptisch für Krokodil) schon mal gehört zu haben. Diese war noch nicht einmal unsympathisch, da sein Maul noch völlig verschlammt war, daher der Klang um einiges angenehmer für die Ohren als das Gekrächze der Geier, die sofort ihre Zustimmung lautstark bekundeten. Noch größer war die Überraschung als die Stimmen ausgezählt waren. Fast 98% hatten sich für den Vorschlag entschieden. Jedem war sofort klar, daß man nun auch dem Krokodil, das von denen, die es schon länger kannten, Mutti genannt wurde, alles weitere überlassen sollte. Man wusste, daß das Mokel sich in jungen Jahre ein paar mal um ein Gelege bemüht hatte, da aber eine Brut nie nachweisbar gewesen war, hielt man dieses Mokel für gefeit gegen dynastische Anfechtungen und der geheime Ausruf des Spitznamens galt als gutes Schutzritual gegen eventuell bei den Krokodilen noch vorhandene kannibalistische Tendenzen. Schließlich musste man in diesen schwierigen Zeiten schon mal Kompromisse eingehen.

Das Mokel verabschiedete sich im allgemeinen Jubel mit den Worten: "Nun aber ran an den Speck". In der Aufbruchsstimmung ging der warnende Ruf des Schwans, um den es kalt geworden war, gänzlich unter. Dieser war bei manchen bekannt als ein echter Überflieger, er hatte aber durch Äußerungen über gelegentliche innere Wahrnehmungen, die eigentlich kein Tierverstand noch als gut bürgerlich und normal bezeichnen konnte, seinen ehemals tadellosen Ruf völlig verspielt. So verhallte seine Warnung, daß die Entwicklung nun endgültig den Bach runter ginge, ungehört.

Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 16. Januar 2016 um 18:38 Uhr