Sonnenkalender in Colmar

"Es ist nicht zweifelhaft, dass diese untere Welt von der oberen beherrscht und befruchtet wird... Die Kräfte und den Einfluss der Gestirne leugnen, heisst die göttliche Weisheit und Klugheit mindern und der offensichtlichen Erfahrung widersprechen... Wozu kreisen denn die fünf Planeten in eigenen und voneinander verschiedenen, formenreichen Bahnen? Wozu das langsam schreitende Gestirn des Saturn, der in dreissig Jahren einmal seine Periode vollendet; wozu der blitzende Glanz Jupiters, der in zwölf Jahren umläuft? Wozu der Schein des Mars, der in zwei Jahren zurückkehrt? Was erwirkt der liebenswerte Stern Venus, der ewig die Sonne begleitet, ihr bald am Morgen voranschreitet, bald am Abend folgend? Was wird das veränderliche und zugleich um die Sonne kreisende Gestirn des Merkur bewirken? Sollten alle diese Sterne mit ihren mannigfaltigen und verblüffenden Bewegungen umsonst gegründet sein? Wozu ist außerdem die achte Sphäre erfüllt mit so unzähligen leuchtenden Sternen in ihrer abwechslungsreichen Anordnung und ihren so langsamen Bewegungen? Sollten auch sie alle, welche der Langsamkeit ihrer Bewegung Fixsterne genannt werden, untätig und nutzlos sein? Das würde nämlich notwendig daraus folgen, wenn der Himmel und alle die leuchtendsten und ewigen Körper, die er enthält, nur zur Unterscheidung der Zeit dienen sollten...
Wer merkt nämlich nicht, dass durch das Heraufsteigen und Zurückweichen der Sonne und ihren regelmässigen Lauf durch den zwölfteiligen Tierkreis ein Unterschied in den Eigenschaften während der vier Jahreszeiten verursacht wird? So sehen wir auch, daß bei wachsendem Mond alles, was seiner Natur ähnlich ist, wie das Gehirn der Lebewesen, das Mark der Knochen und Bäume, das Fleisch der Krebse und Muscheln und vieles andere zugleich wächst, und bei seinem Abnehmen die gleichen Dinge sich vermindern. Ja sogar des unermesslichen Meeres Ebbe und Flut ist wie mit Ketten an den Mond gebunden, so daß gleich mit dem Mondumlauf das Meer zu fluten anfängt, bis er die Scheitellinie des Himmels (den Meridian) erreicht hat...
Dieses und mehrere ähnliche Dinge wissen manchmal auch die Laien, aber die Schiffer und Landleute kennen auch den Auf- und Untergang der Fixsterne, woraus sie die jährlichen Unwetter ersehen und Vorsichtsmaßnahmen treffen können. Erfahrene und in dieser Wissenschaft geübtere Leute haben begriffen, was die Stellung auch der übrigen Wandelsterne sowohl gegen die Leuchten wie gegen die Fixsterne bewirkt. Und sie haben bemerkt, daß hiervon die Zusammensetzung der Luft in den vier Jahreszeiten in einzelnen Jahren verschieden beeinflusst wird... Aber wir werden im Gegenteil beweisen, daß der Himmel nicht nur auf die Luft, sondern auch auf den Menschen wirkt. Da der Mensch nämlich aus Urstoffen besteht und aus Erde gebildet ist, so muss er sich denselben Bedingungen unterwerfen wie die Dinge, aus denen er besteht. Da übrigens die Luft selbst, die wir einatmen und von der wir nicht weniger als von Speis und Trank ernährt werden, nach unserem Beweis durch den Einfluss des Himmels verschieden gestaltet wird, so müssen wir zugleich damit in verschiedener Weise angeregt werden - um einstweilen von dem zu schweigen, was nicht ganz leicht jedermanns Verständnis zugänglich ist, daß nämlich der Mensch in irgendeiner geheimen Art mehr vom Himmel lebe und ernährt werde als durch die Luft oder das Wasser oder von irgendwelchen anderen irdischen und elementaren Dingen, und mit den verwandten Gestirnen irgendwelchen unglaubhaften Zusammenhang besitze, so daß die alten Philosophen, unter ihnen nach dem Zeugnis des Plinius und Hipparch, nicht mit Unrecht gesagt haben, daß unsere Seelen ein Teil des Himmels selbst seien. Überdies ist der ganze Bau des menschlichen Körpers so sehr dem Himmel, den Eigenheiten der sieben Wandelsterne ähnlich, daß die Glieder in unserem Körper mit der Natur der Planeten am Himmel fast die gleichen Verichtungen erlosen. So wird das Herz im menschlichen Körper, der Urheben der Lebensgeister, verglichen mit der Sonne, aus welcher der Erde die lebensspendende Wärme zuströmt. So wird das Gehirn im Menschen dem himmlischen Monde gleichgestellt und nimmt mit seiner Ab- und Zunahmeselbst ab und zu, ahmt die feuchte Natur des Mondes nach und ist zugleich mit dem Mond einer ewigen Unruhe verfallen. Wie aber Herz und Hirn die beiden wichtigsten Teile unseres Körpers sind, so sind Sonne und Mond, denen jene ähnlich sind, die mächstigsten Leuchten am Himmel...
Nach diesen beiden vornehmeren Gliedern in unserem Körper gibt es zwei andere, zwar weniger wichtige, aber ziemlich nützliche, nämlich die Leber und die Nieren. Und zwar ist die Leber, welche die Wirkstätte des Blutes ist, weil in diesem das Leben besteht, dem blutvollen, lebenskräftigen Jupiter am ähnlichsten. Die Nieren aber, welche den zu Fortpflanzung bestimmten Organen Kräfte schenken, gleichen der Venus, dem fruchtspendenden Planeten und der Mutter der Geschlechter. Dazu werden zwei weitere Teile unseres Körpers, die Milz und die Galle, mit den beiden niedrigen und weniger wohltätigen Planeten Saturn und Mars in Verbindung gebracht ...
Da deshalb zwischen den sieben Planeten und den sieben wichtigsten Organen des menschlichen Körpers eine so große Ähnlichkeit herrscht und sich alles so sehr entspricht, daß der Mensch geradezu nach dem Vorbild der oberen Welt gebildet zu sein scheint und daher nicht zu Unrecht von den Philosophen Mikrokosmos genannt wird: welcher Mensch mit gesundem Menschenverstand könnte da jemals leugnen, daß die himmlischen Körper einwirken auf die menschlichen Körper, mit denen sie durch eine so größe Ähnlichkeit der Aufgaben verbunden sind."

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