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wie die Katzen das Bellen lernten

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Einst in längst vergangenen Tagen aber lange nach der Zeit, in der das Wünschen noch half, lebte ein Volk, das auf eine seltsame Weise in einer Art permanenter Glückseligkeit geraten war. Dieses Volk lebte in einem Staat ohne eigenes Land, der Staat selbst hatte kein Staatsvolk, das ihn zum Herrschen legitimiert hatte, wie es sonst in dieser Zeit noch üblich war, sondern der Staat rekrutierte die Menschen, die ihm angehören wollten, von überall her und beschäftigte sie als Personal in seinen vielfältigen Einrichtungen, die zur Simulation eines echten Staatswesen unterhalten wurden. Zur Aufrechterhaltung des Betriebes und um den Mitarbeiter das Gefühl zu geben, an den Entscheidungen der Geschäftsführung grundsätzlich teil zu haben, hatten sich die obersten Vertreter eine Geschäftsordnung gegeben, die sie Grundgesetz nannten und die von vielen als eine Art Verfassung gehalten wurde.

Realiter handelte es sich vielmehr um eine etwas modifizierte Werks- oder Betriebsordnung. Pauschal wurde jedem Angestellten zugesichert, seine Würde als Mensch zu achten. Dies war natürlich kein einklagbares Gesetz sondern sollte lediglich den guten Willen der Oberen zum Ausdruck bringen, sich um das Wohlergehen der Betriebsangehörigen zu kümmern. Daher würde der Begriff "Würde" auch nur in der Präambel erwähnt. Diese Würde zu erlangen, von der übrigens niemand so genau wusste, woraus sie eigentlich bestand, war jedem, der einen Werks- oder Personalausweis erhalten hatte, als Ziel frei gestellt, aber es war natürlich allen klar, daß dieses so hoch geschätzte Gut nur denjenigen Menschen zustand, die den Nachweis erbracht hatten, daß sie fähig waren zu erkennen, wie sie sich zu verhalten hatten, um einen störungsarmen Betrieb zu garantieren.

Die Bürger dieses merkwürdigen Gebildes, das infolge des eklatanten Mangels an eigenem Land auch keine Grenzen zu anderen Ländern haben konnte, einte als Einziges die Sprache. In ihren Personalbescheinigungen war daher folgerichtig als einzige Zugehörigkeit lakonisch die Sprache notiert. Wenn ein Ausländer sie womöglich fragte, welchem Staate die fleißigen Leutchen zugehörig seien, mussten sie gestehen, wenn sie ehrlich sein wollten, daß sie eigentlich nur einem äußerst luftigen Gebilde angehörten, dessen Raum durch das Element der einheitlichen Sprache gebildet werden würde. Darauf hätten diese Menschen damals durchaus einen berechtigten Stolz entwickeln können, denn ihre eigentümliche Sprache, die sich von anderen Völkern nur schwer erlernen ließ, war der im metaphysischen verankerte Grund, warum diesem Volk Grund und Boden abspenstig gemacht worden waren. Die Sprache hatte die Eigentümlichkeit, besonders diffizile und hintergründige Zusammenhänge gewissermaßen jedermann zugänglich zu machen. Die anderen Nationen fürchteten daher zu Recht, daß dieses Volk wegen seiner Sprache alle anderen an Wissen und intellektuellen Fähigkeiten überflügeln könnte. Man verständigte sich daher international darauf, diese Sprache als ungeeignet für den globalen Gebrauch zu bewerten und sie langfristig durch eine solche mit simpleren Ausdrucksformen zu ersetzen. Davon etwas später in dieser Geschichte mehr.

Natürlich stand die Geschäftsführung dieses Landes unter einer Aufsicht. Diese hielt sich aber bei allen Entscheidungen klugerweise stets im Hintergrund und verlangte nie, daß sie für ihre duldsame Lenkung in irgend einer Weise eine Belohnung erhielt. Da die Aufsicht nie in die Öffentlichkeit trat, hatte auch niemand einen Namen dafür. Man begnügte sich zur Erklärung der jeweiligen politischen Entscheidungen mit nebulösen Bezeichnungen wie die "Rahmenbedingungen" oder "globale Notwendigkeiten". Tatsächlich hatte aber dieser unsichtbare "Rahmen" dem Vorgängerstaat nach einem hitzigen Krieg, der mit der fast völligen Zerstörung des Landes endete, die Last des Besitzes abgenommen und das nunmehr staatenlose Gelände an den neuen Staatsbetrieb verpachtet mit einer Nutzungsdauer von 99 Jahren, die jeweils um diese Frist verlängert werden konnte. Als einzige Belohnung hatte sich das Aufsicht habende Syndikat das Monopol garantieren lassen, auf ewig die Liquidität des Geschäftsbetriebes zu sichern. Solange nur das Geld des Syndikats gelte, hatte der Staatsbetrieb alle Freiheiten zu tun und zu lassen, was ihm nötig schien. Für jeden Mitarbeiter erhielt die Regierung einen nicht rückzahlbaren Kredit eingeräumt, der seitens des einzelnen "Bürgers" durch Steuern Zeit seines Lebens zu tilgen war. War in früheren Zeiten die Entrichtung eines Zehnten noch als Obergrenze für die Belastbarkeit eines Volkes hinsichtlich der Staatsaufgaben akzeptiert worden, so hielt man an dieser magischen Zahl fest, nur diesmal mit dem kleinen Unterschied, daß der einzelne Bürger maximal 10% seines Einkommens für sich zur freien Verwendung behalten durfte. Dem Staatsbetrieb flossen dadurch soviel Gelder zu, die er trotz der seit Jahren verrotteten Schulen und Straßen beim besten Willen nicht mehr binnen Jahresfrist ausgeben konnte. Er verschenkte daher das überflüssige Vermögen an Nationen, die vor der Pleite standen, damit diese mit dem frischen Geld Waren des Kreditgebers kaufen konnten. Man war mit dem Syndikat übereingekommen, daß diese Kredite natürlich nie zu tilgen waren, sondern stets durch neue Kredite abgesichert würden. Die Mitarbeiter des Staatsbetriebes wurden durch vielfältigste Unternehmungen in den Glauben gefestigt, die beste Stellung in der Welt für sich gefunden zu haben. Sie durften reisen, so viel und so häufig auch immer in der ganzen Welt. Das Geld, das sie mitbrachten, war überall geschätzt und wurde gerne genommen, da man dafür die besten Autos kaufen konnte, die die Kunst der Ingenieure entwickelt hatte. In den letzten Jahrzehnten, in denen dieser merkwürdige Staat noch historisch nachweisbar ist, hatte sich das Volk mit einer gewissen Hintersinnigkeit ein Staatsoberhaupt verpassen lassen, dessen Name unschwer auf eine gewisse gauklerische Vorpraxis hindeutete. Dieses Oberhaupt verstand es durch eine alles verbrämende Redetechnik jede gesellschaftlich relevante Fragestellung so zu umgarnen, daß selbst diejenigen, die gezwungen waren seine Reden anzuhören, glaubten in der Nähe einer direkten Segnung durch den Hohen Geist selber zu sein.

Irgendwann jedoch in diesen rundum perfekten Zeiten stellten die maßgeblichen Controller fest, daß man sich nicht mehr zu 100% auf das eigene, sorgsam geschulte Personal verlassen konnte. Es entwickelte sich eine gewisse Aufmüpfigkeit, deren Ursache zunächst unerklärlich blieb. Doch eines Tages konnte ein mit immensem Aufwand im geheimen betriebener Ethikrat namens "Bund Normalen Denkens" (BND) erste Resultate seiner Ursachenforschung liefern. Es hatte sich herausgestellt, daß in den Schulen, die auf Grund ihrer nachgewiesenen Nutzlosigkeit eigentlich längst hätten abgewickelt werden müssen, Kinder sich bemerkbar machten, die nicht bereit waren, den "amtlich" vorgesehenen Heilungen zur Amputation ihrer überflüssigen geistigen Energien willig Folge zu leisten. Es konnte von den Experten dieser Anstalt ausfindig gemacht werden, daß diese Kinder in der Regel aus Haushalten kamen, in denen Katzen gehalten wurden. In Haushalten mit Hunden, in denen täglich die Praktiken der freiwilligen Subordination für den Preis eines Wurstzipfels geübt wurden, gab es mit absoluter Sicherheit keine Kinder, die es nicht verstanden, auf Autoritäten hin aufmerksam zu horchen. Ein eigens diesbezüglich installiertes hochkarätiges Gremium aus Sprachwissenschaftlern, Genforschern und Verhaltenswissenschaften hatte für alle überraschend festgestellt, daß den Katzen ein spezielles Gen eigen war, das ihre Neigung zur absoluten Unbestechlichkeit und Charakterstärke gegenüber jedweden Manipulationsversuchen verursachte. Dieses Gen war zugleich zuständig für die Fähigkeit der Katzen zum Miauen! Man erkannte, daß die Katzen diese Charakterschwäche durch ihr Miauen auf die Kinder übertragen konnten. Ein Kind, daß dieser Katzenmusik länger ausgesetzt war, war infiziert und zwar sein Leben lang.

In jenen Zeiten war es ein Naturgesetz, daß die Menschen höchstens bis zu ihrem 26/27 Lebensjahr das Vermögen zu eigenen Gedanken hatten. Danach starb diese Gehirnfunktion, weil überflüssig geworden, schmerzlos ab. Die Menschen übernahmen nun ihre Gedanken, denn irgendwas musste den unbefriedigten Hunger des Hirn weiter sättigen, von eigens errichteten Instituten. Diese dort kontinuierlich produzierten Gedanken wurden einer Reihe Tests hinsichtlich ihrer Eignung zum Nachdenken unterzogen. Zum Abschlusstest kamen nur die Kandidaten, die von der Mehrzahl der Hirne als positiv und konsensfähig bewertet wurden. Das war das Prüfsiegel, den eine profilierte Meinung benötigte, um dem Übernehmer die Sicherheit zu geben, in der Mitte des Stromes zu schwimmen. Diese Leistung war aber nicht kostenlos seitens des Staatsbetriebes seinen Mitarbeitern zur Verfügung gestellt, sondern die Beiträge wurden ihnen gleich vom Einkommen abgezogen.

Nun gab es aber leider auch Sonderlinge unter den Menschen, die auch nach Erreichen des 30. Lebensjahres oder noch später die Fähigkeit zur Entwicklung eigener zwar häufig sehr simpler aber prinzipiell selbst gemachter Gedankenzüge hatten. Diese Subjekte trauten sich unter dem Gelächter der Normalen sogar ihre Überlegungen zum Besten zu geben. Man ließ sie gewähren, dann ihr auffälliges Verhalten sorgte von selber dafür, daß diese Querulanten irgendwelche bedeutenden Positionen im Geschäftsgeschehen erreichen konnten. Auch war das Auftauchen neuer Ideen eher flackerhaft und flaute schnell wieder ab. Die Ärzte bezeichneten diese Erscheinungen als Morbus "Wut". Allgemein bürgerte sich die Bezeichnung "Wutbürger" für diese bedauernswerten Typen ein. Letzten Endes war aber nicht auszuschließen, daß der Virus, der diese "Wut" verursachte mit dem Katzenphänomen in Verbindung stand.  Die Geschäftsführung des Staates sah sich daher aufgefordert zum Schutze aller Gegenmaßnahmen zu ergreifen und berief als erstes ein Gremium von Fachleuten ein.

Viele Male hatte das Gremien über dieses Phänomen zu tagen und nach Lösungen gesucht, wie diese den ordentlichen Betrieb des Staates bedrohenden Artikulationen zu eliminieren waren, aber niemand hatte eine Idee. Eines Tages, die Zeit drängte, denn die sogenannten "Katzenkinder" wurden größer und fingen an sich schnell zu vermehren nach Katzenart, fand man sich ein zur einer Klausur bei der obersten Geschäftsführung an einem Ort namens Meisenburg. Alle Überlegungen, alle Analysen, kurz es kam alles zur Sprache, man gönnte sich sogar ein paar Scherze, über die man lachen konnte, aber eine Lösung des Problems ward nicht gefunden. Doch ganz zuletzt hatte die von vielen der Anwesenden als Mutti ihrer gesellschaftlichen Existenz empfundene oberste Geschäftsführerin die alles entscheidende Idee. Sie schlug in Übereinstimmung mit ihrer gediegenen Gesinnung, die ihr in ihren jungen Jahren beigebracht worden war, eine radikale Lösung vor. Sie wusste noch, daß die schärfsten, unkalkulierbaren Risiken einer sonst unangreifbaren Nomenklatur von Wörtern ausgingen, die von allen als wahr empfunden wurden. "Miau" war ein solches Wort der Wahrheit. Kurz und präzise schlug sie daher vor: "Wir schaffen das ab, diese impertinente Sache! Dafür ist keine Alternative. Und ich überlasse ihnen zu entscheiden "wie"! Schließlich sind sie die Fachleute".

In vielen Sitzungen ging es in folge dieser Entscheidung heiß her. Eine Gruppierung schlug vor, allen Katzen einfach den Garaus zu machen. Das stieß auf den Widerstand derer, die selber solche Untiere zu Hause hatten. Andere wollten eine neue Gesetzgebung, mit der Katzenfleisch als Nahrungsergänzung zugelassen würde. Das würde die Existenz der Tiere mittelfristig beenden. Das hätte aber die Einberufung eines transnationalen Gremiums erfordert, dessen Gesetzesvorschläge kaum kalkulierbar seien. Schließlich meldete sich ein junger Doktorand der Semiotik. Nach seiner Meinung sei schlicht die Lautgebung "Miau" aus dem Wortschatz aller Leute zu tilgen. Eine gesellschaftliche Ächtung dieses Unwortes böte die Chance, alle die Leute, die keine Distanz zum "Miauen" fanden als gesellschaftliche Außenseiter zu definieren. Während die Menschen mit aufrechter Gesinnung die Chance geboten bekämen, durch ihre Empörung über die Ungehörigkeit solcher Mitteilungen sich als die Mitte des gesellschaftlichen Konsens wahrzunehmen.

Ab sofort sei "Miau" eine Artikulation eines gesinnungslosen Bürgers. Jede diesbezügliche Wahrnehmung eines Lautes einer Katze, sei von Staatswegen nicht mehr als "Miauen" sondern als "Bellen" zu bezeichnen. In der Sprache dieses Landes, die einst größten Dichtern und Philosophen die Fähigkeit beschert hatte, ihre Weisheit zum Ausdruck zu bringen, sei ab sofort dieses unverschämte Wort, das nicht im Konsensbereich der Mehrheit verankert sei, auf den Index zu setzen. Das Unwort des folgenden Jahres sei anerkanntermaßen das Wort "Miau". Menschen, die es künftig noch wagen würden, ihre Meinung durch ein auch nur gedachtes Katzenmiau zu artikulieren, wären für alle, die an dem Fortgang des Staatsbetriebes eine Interesse hatten, sofort als Widerständler und gesellschaftlicher Außenseiter erkennbar. Jedwede Auseinandersetzung mit den Argumenten der Katzenfreunde sei gesellschaftlich nicht zielführend. Der Staat müsse das Seinige tun und sämtliche Publikationen, Schulunterlagen, Medien und Verlage darauf hinweisen, daß das Unwort aus dem Bewusstsein der Staatsangehörigen zu verschwinden habe und durch das Zustimmung signalisierende "Bellen" ab sofort zu ersetzen sei.

Binnen Jahresfrist gab es nicht eine Katze mehr, die es noch wagte nach den alten nächtlich praktizierten Lauten sich zu artikulieren. Jeder wusste fortan, daß die Katzen des Nachts in den Gärten bellten. Alle hatten verstanden, was zur Gewährleistung der Ordnung erforderlich war. Jeder, der eine Katze hatte, sprach von ihrem eigenartigen Bellen. Nur die Hundebesitzer waren ratlos. Sie hatten ein Problem. Die Hunde bellten nach wie vor und weigerten sich jedweder Form der intellektuellen Umerziehung. So gab es einen hochrangigen Vertreter des Ethikrates, dessen altersschwacher Hund auf den Namen "Bello" hörte. Dieser erklärte, daß sein blinder aber nicht tauber deutscher Schäferhund nicht mehr umerziehbar sei auf einen anderen Namen. Sein Hundeleben lang habe dieser in Feindschaft zu den Katzen gelebt. Man könne ihm niemals antun seinen Namen zu "Miau-o" zu ändern.

Man gab dem Wichtigtuer den Freundschaftsrat, auf den baldigen Abgang seines Hundes zu setzen. An den Beschaffungskosten eines Welpens mit anständigen Namen würde man sich staatlicherseits beteiligen.

Es ist noch zu erwähnen, daß das Syndikat keine Bereitschaft zeigte, dieses unprofessionelle Gebaren der führenden Leute dieses Staatsbetriebes länger zu tolerieren. Die Führungsriege des Betriebes würde binnen Jahresfrist entlassen und verschwand in der Versenkung. Der obersten Geschäftsführerin wurde die vorher vereinbarte Tantieme unter Abzug der Verfahrenskosten überwiesen und ihr Pensionsanspruch inkl. Ruhesitz in Paraguay bis zum Exitus zugesichert.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 02. Juni 2017 um 09:10 Uhr